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Ich wohne Deutschland | Vincent Mosch

Ich wohne Deutschland

Von der kleinen Lust, sich die große Fahne zu zeigen

Als gelernter Kommunikationswissenschaftler stehe ich ratlos vor den Gärten und Balkonen aus denen die deutschen Fahnen hängen – was soll das bedeuten?
Großes Land, kleiner Balkon – große Welt, kleiner Geist?

Begreift man als Zeichen, was Menschen anderen von sich zeigen, so sieht man, dass die Verlorenheit dieser Ensembles eher nicht auf das Wohnumfeld gut gelaunter Sportsfreunde hinweist. Und auf Freunde der Ironie schon gar nicht.
Wer sind die Menschen, die uns ihre Fahne zeigen, und was wollen sie damit sagen?
"Hier ist Deutschland."
Ob in Gerolfing, in Wilhelmshaven, in Brandenburg oder von an sonst einem Ort, an dem die Bilder aufgenommen wurden: Der Informationswert dieser Mitteilung hält sich in bescheidenen Grenzen. Es ist paradox, denn vollkommen klar, dass das in Deutschland ist. (Von Orten, wo das nicht so klar ist – etwa in Berlin-Neukölln, wo es ebenfalls viele Belegstücke an deutschen Fahnen einzusammeln gäbe, stammt keines der Bilder.)
Es geht bei der Mitteilung, die mit der Fahne gemacht wird, nicht um Information. Es geht um das Bekenntnis. In ähnlicher Verwendung, in der einst der gekreuzigte Herrgott präsentiert wurde, steht auf einmal das deutsche Hoheitszeichen; an Stellen, wo man es nicht erwarten würde. Das hat wahrscheinlich weniger mit dem Nationalen als Ersatzreligion zu tun als vielmehr mit dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Zwei Aspekte, die dem Phänomen inhärent sind, zeigen die Bilder ganz deutlich:
Schutz durch Abgrenzung. Es ist eine Abgrenzung, die die Ausgrenzung nicht zulassen möchte. Wie ein Schwellenzauber klebt die Fahne am Fenster und soll die bösen Geister der Ungewissheit aus der Geborgenheit der Minimal-Idylle fernhalten.
Wo mein Heim ist, ist meine Heimat. Also Deutschland. Das scheinbare Paradoxon löst sich nur so auf: Nur wer sich eben nicht sicher ist, dass er in Deutschland ist, muss mittendrin sagen: und (wenigstens) hier ist es!
Und damit ist man – zweiter Aspekt – auch nicht mehr so alleine im verlorenen Deutschland, wenn man sich zu einer Gruppe bekennen kann.

„Ich zeig‘ Dir meine Fahne!“ Der Appellativ referiert auf das gesellschaftliche Ganze und moniert, Einzelne nicht in ihren Erdgeschosswohnungen zurückzulassen.